Platzsparende Bauelemente

Platzsparende Bauelemente

In Deutschland kennt man Schiebefenster vorwiegend als bodentiefe Bauelemente für Terrasse oder Balkon. Doch in diesem Beitrag geht es nicht um „Fenstertüren“, sondern um normale (also nicht bodentiefe) Fassadenfenster mit Schiebemechanismus. Diese Produktkategorie ist in Deutschland nun wiederum alles andere als „normal“.

Fenstertüren für Terrasse und Balkon, durch die man im geöffneten Zustand bequem ins Freie spazieren kann, werden hierzulande auch oft mit Schiebemechanismus ausgestattet. Üblicherweise lassen sich die Bauelemente horizontal zur Seite schieben. Gleichwohl haben die meisten der in Deutschland verbauten Fenstertüren nach wie vor einen Dreh-Kipp-Beschlag. Hier schwingt der Drehflügel beim Öffnen in den Innenraum.

Dominanz des Dreh-Kipp-Beschlags

Was für Fenstertüren gilt, zeigt sich noch mehr bei normalen Fassadenfenstern. Diese Produktkategorie ist in Deutschland fest in der Hand des Dreh-Kipp-Beschlags. Fassadenfenster mit Schiebemechanismus sind hierzulande fast schon eine Rarität. Zumindest im Neubau. Bei Altbauten findet man sie dagegen häufiger – insbesondere bei Gebäuden des Bauhaus-Trends der 1920er-Jahre.

Fassadenfenster mit Dreh-Kipp-Beschlag haben den Vorteil, dass man in Kippstellung lüften kann, ohne dass Unbefugte das Fenster von außen einfach öffnen und ins Hausinnere eindringen können. Bei einem geöffneten Schiebefenster haben „Langfinger“ dagegen extrem leichtes Spiel. Allerdings wird ein geübter Einbrecher auch ein gekipptes Fenster in wenigen Sekunden aushebeln – sofern es nicht über eine spezielle Fensterkippsicherung verfügt. Und überhaupt: Das Lüften per Kippstellung ist wenig effektiv. Für eine ausreichende Luftwechselrate sollte man mehrmals täglich für wenige Minuten stoßlüften.

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    Lüften ohne Raumverlust: Horizontal-Schiebefenster mit dem Beschlag „Eco Slide“. Quelle: Siegenia

Bequemes Lüften mit Schiebefenstern

Horizontal- oder Vertikal-Schiebefenster haben den Vorteil, dass man mit ihnen bequem und einfach stoßlüften kann. Das funktioniert vor allem sehr platzsparend, da im geöffneten Zustand kein Fensterflügel in den Innenraum ragt. Man muss auch nicht vor dem Lüften erst einmal die Fensterbank freiräumen. In vielen deutschen Haushalten dagegen wird nie ausreichend gelüftet, weil die Fensterbänke mit Blumentöpfen übersät sind und ein richtiges Stoßlüften mit dem Drehflügelfenster zu viel Arbeit machen würde.

Schiebefenster kann man zudem bei Bedarf – etwa im Sommer – beliebig lange geöffnet lassen, ohne die Gefahr, dass der Fensterflügel durch Windstöße unkontrolliert zuschlägt. In den USA verfügen Schiebefenster übrigens häufig standardmäßig über ein Fliegengitter.

Im Ausland beliebter

Schiebefenster haben also durchaus Vorteile. Warum die Deutschen lieber drehen und kippen, anstatt zu schieben, lässt sich gar nicht so leicht erklären. Es hat wohl auch mit landesspezifischen Traditionen zu tun. In den USA, Großbritannien oder in den Niederlanden sieht die Sache jedenfalls ganz anders aus. Dort sind Schiebefenster in der Fassade sehr verbreitet.

Sie tauchen dort übrigens nicht nur als horizontal zu öffnende Bauelemente, sondern vor allem als Vertikal-Schiebefenster auf. Vertikal-Schiebefenster verfügen in der Regel über zwei „liegende“ Fensterflügel, wobei sich der untere zum Lüften nach oben schieben lässt. Man bezeichnet diese Produkte auch als Hochschiebefenster.

In Deutschland findet man Schiebefenster zumindest etwas häufiger in Schulbauten. Oft handelt es sich dabei um Gebäude, die unter Denkmalschutz stehen. So wurde zum Beispiel das 1929 errichtete Walddörfer-Gymnasium in Hamburg kürzlich saniert und erhielt dabei 167 neue Vertikal-Schiebefenster, die den Originalen fast bis aufs Haar gleichen. Aber auch im Schulneubau setzt man heute zumindest vereinzelt wieder auf Schiebefenster. Ein Hauptargument ist hier eben, dass die Bauelemente optimales Lüften mit stufenlos verstellbarer Fensteröffnung ermöglichen – ohne Platzverluste und Verletzungsgefahren im Klassenraum.

Energetische Anforderungen

Aus Wärmeschutzgründen sind in Deutschland heute Fenster mit Mehrscheiben-Isolierverglasung Standard. Außerdem müssen die Rahmen dicht schließen. Solche Anforderungen erklären zum Teil, warum sich das Schiebefenster hierzulande nie wirklich durchsetzen konnte. Vor allem Vertikal-Schiebefenster müssen mit dem weitverbreiteten Vorurteil leben, dass sie keine guten Dämmwerte erzielen und nicht wirklich luftdicht sind.

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    Die ausgeklügelte Führungstechnik dieses Vertikal-Schiebefensters befindet sich links und rechts in schmalen Futterkästen. Quelle: Sorpetaler Fensterbau

Aber stimmt das überhaupt? Teilweise schon. Zumindest in den angelsächsischen Ländern, wo es für Fenster nicht so strenge Wärmeschutzvorschriften gibt, besteht das Marktangebot an Schiebefenstern zum Teil aus Modellen, die man aus deutscher Sicht als schlecht dämmend und undicht bezeichnen würde.

Hinzu kommt, dass Mehrscheiben-Verglasungen aufgrund ihres Gewichts die manuelle Bedienbarkeit von Schiebefenstern erschweren. Zumindest erfordern sie aufwendigere Beschlagtechniken beziehungsweise kostenintensive Konstruktionen mit Gegengewichten an Stahlseilen. Die Anforderung der Luftdichtheit setzt zudem eine hohe Passgenauigkeit der Fensterflügel voraus, was ebenfalls dazu führen kann, dass sich das Bauelement weniger leichtgängig öffnen und schließen lässt.

Vergleichsweise teuer

Das alles heißt nun aber nicht, dass es keine Schiebefenster gäbe, die unseren energetischen Anforderungen entsprechen. Man erhält heute im Handel problemlos Schiebefenster, die in puncto Wärme- und Schalldämmung sowie Luftdichtheit zumindest nicht schlechter abschneiden als herkömmliche Dreh-Kipp-Fenster mit Zweischeiben-Isolierverglasung. Der nordrhein-westfälische Hersteller Sorpetaler Fensterbau bietet seine Vertikal-Schiebefenster mit Holz- oder Holz-Alu-Rahmen auf Wunsch sogar mit Dreifachverglasung.

Allerdings sind solche modernen Schiebefenster meist deutlich teurer als Standardprodukte mit Dreh-Kipp-Beschlag. Das gilt insbesondere für die Vertikal-Schiebefenster mit ihrer aufwendigen Seilzugführung und Absturzsicherungen. Auch das ist ein Grund, warum dieser Fenstertyp hierzulande bisher nur wenig verbreitet ist.

Quelle:

Roland Grimm

Keyvisual und Teaserbild: Siegenia

12. Oktober 2021

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