Schadstoffsteckbrief: Formaldehyd

Schadstoffsteckbrief: Formaldehyd

Formaldehyd gehört noch immer zu den bedeutsamen Schadstoffen, die in Innenräumen auftreten. Der gasförmige Stoff gelangt vor allem durch Holzwerkstoffe, Möbel, Farben, Lacke, Klebstoffe, Einrichtungsgegenstände, Tabakrauch und Haushaltsprodukte in die Innenraumluft. Als Altlast ist Formaldehyd noch in vielen Holzwerkstoffen und daraus hergestellten Erzeugnissen vorhanden und wird von diesen nach wie vor an die Raumluft abgegeben. Hohe Konzentrationen von Formaldehyd treten zum einen besonders in älteren Fertighäusern aus den 1960er- und 1970er-Jahren auf, bei denen Wände und Decken mit Spanplatten beplankt sind. Zum anderen werden auch heute noch in großem Umfang formaldehydhaltige Kunstharze für die Verleimung von Holzplatten und damit auch für Möbel verwendet.

Hier versteckt sich Formaldehyd

Neben Klebstoffen, Lacken, Parkettversiegelungen, Topfkonservierern, Tapeten, UF-Ortschäumen, Schaum-Dämmplatten und Mineralwolldämmstoffen sind aminoplastverleimte Holzwerkstoffe die Hauptquelle für Formaldehyd. Sie werden im Innenausbau und für die Herstellung von Möbeln eingesetzt. Die Bezeichnung „Aminoplaste“ umfasst Harnstoff-Formaldehyd-Harze und Melamin-Formaldehyd-Harze. In Europa sind über 90 % der eingesetzten Holzwerkstoffe, z.B. Spanplatten, MDF-, und OSB-Platten, Hartfaserplatten und Sperrholz, mit Harnstoff-Formaldehyd-Harzen verleimt.

  • Spanplatten kommen im Innenausbau zur Bekleidung von Wänden, Decken und Fußbodenflächen zum Einsatz und finden darüber hinaus bei Türen und Möbeln sowie im Fertighausbau Verwendung. Die in Spanplatten verwendeten Bindemittel enthalten Formaldehyd.
  • MDF-Platten (mitteldichte Faserplatten) finden fast ausschließlich in der Möbelherstellung und im Innenausbau Verwendung. Als Bindemittel dienen überwiegend Harnstoff-Formaldehyd-Harze (Massenanteil des Harzes in den Platten: 8 bis 9 %).
  • Hartfaserplatten finden in der Möbelherstellung Verwendung (z. B. für Schrankrückwände oder Schubladenböden) und enthalten in Abhängigkeit von der verwendeten Holzart und den Anforderungen an das Plattenmaterial nur teilweise Bindemittel (Massenanteil des Phenol-Formaldehyd-Harzes in den Platten: 1 bis 3 %).
  • OSB-Platten (oriented strand board) bestehen aus langen, schlanken Holzspänen (strands). Als Bindemittel werden formaldehydhaltige Harze in den Deckschichten verwendet. Auch OSB-Platten können Formaldehyd an die Raumluft abgeben. Zusätzlich kann es zu deutlichen Emissionen von geruchsintensiven Aldehyden und Terpenen kommen.
  • Für die Verleimung von Sperrholz (Tischler- und Furnierholzplatten) werden unterschiedliche Bindemittel verwendet. Im Außenbereich kommen vorwiegend Phenol-Formaldehyd-Harze und Melamin-Formaldehyd-Harze zum Einsatz, im Innenbereich Harnstoffharze (Harnstoff-Formaldehyd-Harze und Phenol-Formaldehyd-Harze zu ca. gleichen Anteilen).

Um die Formaldehydabgabe zu begrenzen, dürfen seit Anfang der 1980er-Jahre keine Holzwerkstoffplatten in den Verkehr gebracht werden, die den Grenzwert von 0,1 ppm (parts per million, Emissionsklasse E1) überschreiten. Allerdings gilt das für jedes Bauteil bzw. für jeden Einrichtungsgegenstand einzeln, die Summe aller Emissionsquellen kann die Konzentration in der Raumluft also schnell über den Grenzwert ansteigen lassen. Zudem haben auch die klimatischen Bedingungen eines Raumes Einfluss auf die Freisetzung von Formaldehyd. Die Konzentration des Schadstoffes in der Luft nimmt bei steigenden Temperatur und steigender Luftfeuchtigkeit zu. So kann es vor allem im Sommer zu saisonal bedingten erhöhten Formaldehydbelastungen kommen.

So gefährlich ist Formaldehyd

Wird Formaldehyd eingeatmet, reizt das Gas die oberen Atemwege und zusätzlich die Schleimhaut der Augen. Als Folge der Reizung kommt es zu Beschwerden wie Stechen in der Nase und im Hals, wässrigem Schnupfen, Verstopfen der Nase oder Augenbrennen. Hält die Reizung an, können zusätzlich unspezifische Beschwerden wie Kopfschmerzen, Müdigkeit und Unwohlsein auftreten. Sobald die Formaldehydkonzentration wieder absinkt, gehen die Reizungen und Beschwerden rasch zurück. Bei zunehmender Konzentration werden die Beschwerden stärker und es kann zu Schädigungen der Schleimhaut im Nasen-Rachen-Raum kommen. Ist diese Schädigung durch die ständige Reizung der Atmungsorgane eingetreten, erhöht sich die Anfälligkeit der Schleimhäute auch gegenüber Pollen, Schimmelpilzen und anderen Umweltgiften. Gelangt Formaldehyd durch Kosmetika oder Kleidung über die Haut in den Körper, können Kontaktallergien auftreten.

Formaldehyd: Grenzwerte und Sanierungsmaßnahmen

Formaldehyd wird als Arbeitsstoff mit krebserzeugender Wirkung eingestuft. Für Arbeitsplätze gilt eine maximale Arbeitsplatz-Konzentration (MAK-Wert) von 0,3 ppm. So lange diese Konzentration nicht überschritten wird, wird kein erhöhtes Krebsrisiko erwartet. Für die Beurteilung von Innenräumen sind MAK-Werte jedoch nicht geeignet, da sie ausschließlich für Arbeitsplätze festgelegt wurden, an denen medizinisch überwachte Beschäftigte tätig sind, die zudem über den Umgang mit Formaldehyd instruiert sind. In Innenräumen hingegen halten sich Personen unterschiedlichen Alters und Gesundheitszustands auf, die über den Umgang mit Formaldehyd nicht informiert sind. Der Ausschuss für Innenraumrichtwerte (AIR) hat einen Richtwert I (Vorsorgewert) in Höhe von 0,1 mg pro Kubikmeter (Innenraum)-Luft abgeleitet. Das entspricht 100 μg/m3. Dieser Wert sollte auch nicht kurzzeitig (länger als eine halbe Stunde) überschritten werden.

Anhaltend zu hohe Konzentrationen von Formaldehyd in der Raumluft machen also Maßnahmen zur Verringerung der Raumluftbelastung notwendig. Um die Formaldehydbelastung bis zur Durchführung dauerhafter Minderungs- bzw. Sanierungsmaßnahmen möglichst wirksam zu senken, können zunächst einmal die Raumklimabedingungen verändert werden, indem die

  • Raumtemperatur gesenkt,
  • die Luftfeuchte (nur bei hoher Luftfeuchte) verringert und
  • die Luftwechselrate (regelmäßiges Stoßlüften, gegebenenfalls Einbau einer Lüftungsanlage) erhöht

wird.

Der Einsatz raumlufttechnischer Anlagen bietet den Vorteil, durch die gezielte Steuerung die saisonal bedingten erhöhten Formaldehydbelastungen in der Sommerzeit zu vermeiden. Zusätzlich führen höhere Luftwechselraten zu einer Verringerung der Formaldehydkonzentration in der Raumluft.

Ziel einer Sanierung formaldehydbelasteter Gebäude ist es, gesundheitliche Beeinträchtigungen sicher und dauerhaft auszuschließen. Dabei kommen vier wesentliche Methoden in Betracht:

  • Entfernen der Formaldehydquellen
  • Bekleiden der Formaldehydquellen mit formaldehyddichten Folien
  • Bekleiden der Formaldehydquellen mit Schafwollvlies
  • Beschichten der Formaldehydquellen mit speziellen Anstrichen

Vor Beginn der Maßnahmen müssen alle relevanten Formaldehydquellen ermittelt werden. Befinden sich mehrere Formaldehydquellen im Raum, kann die Kombination verschiedener Verfahren zu einer praktikablen Lösung führen.

Die wirksamste Methode zur dauerhaften Sanierung belasteter Räume besteht im Entfernen der Formaldehydquellen. Da dies nicht immer durchführbar ist, weil es in Einzelfällen den nahezu vollständigen Rückbau eines Gebäudes bedeuten würde, kann das Sanierungskonzept durch Bekleidungen (Kunststofffolien bzw. Aluminiumfolien) oder Beschichtungen (Anstrich) ergänzt werden.

Bei Möbeln erfolgt der Formaldehydaustritt meist durch unbeschichtete Schmalflächen und Bohrlöcher. Bodenstiftlöcher können mit Plastikeinsätzen oder dauerelastischen Fugenmassen (Silikon, Polyacryl) geschlossen werden. Der Erfolg hängt wesentlich von der Vollständigkeit der Abdichtung ab, da das Formaldehydabgabepotenzial der Quelle durch die Maßnahmen nicht verringert wird.

Die Wirkung spezieller Schafvollvliese beruht nicht auf einer Absperrwirkung, sondern darauf, dass Wollproteine mit dem Formaldehyd reagieren und diesen fest in der Wollfaser binden.

Autorin:

Franziska Zielke
Redaktion ausbaupraxis.de

Keyvisual und Teaserbild: Verlagsgesellschaft Rudolf Müller GmbH & Co. KG

 

Cover Schadstoffe Innenraum Gebäude

Die Informationen in diesem Beitrag basieren auf einer ausführlichen Darstellung
der wichtigsten Schadstoffe in „Schadstoffe in Innenräumen und an Gebäuden“,
herausgegeben vom Gesamtverband Schadstoffsanierung.
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15. Januar 2021

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