Welche „alten“ und welche „neuen“ Schadstoffe kommen in Gebäuden vor und für wen sind sie gefährlich? Was gibt es beim Sanieren zu beachten und wie lassen sich Gefahren beim Innenausbau minimieren?
Mancher Gebäudeschadstoff macht auch Jahrzehnte nach seinem Verwendungsverbot noch Schlagzeilen, so etwa Asbest. Um andere Schadstoffe ist es ruhig geworden, obwohl sie noch in vielen älteren Gebäuden stecken. Und dann gibt es Stoffe, von denen bekannt ist, dass sie schädlich für Umwelt und Gesundheit sind, die dennoch, zumindest in kleinen Mengen, Anwendung in modernen Bauprodukten finden. Was bedeutet das für Handwerker:innen und Menschen, die sich dauerhaft in Gebäuden aufhalten?
Welche Rolle spielen Schadstoffe fürs Wohnen, welche auf der Baustelle?
Bei den meisten Gebäudeschadstoffen gilt: Die Menge macht das Gift. Logisch, dass vor allem in Gefahr ist, wer direkt mit ihnen arbeitet. Das gilt sowohl bei der Arbeit mit Altlasten als in der Regel auch mit modernen schädlichen Chemikalien. Manche Schadstoffe lagern sich im Köper an. Das Risiko gesundheitlicher Schäden steigt also mit der Häufigkeit der Belastung. Die kann allerdings auch für Bewohner:innen relevant sein, denn: Manche Schadstoffe reichern sich in der Innenraumluft an, von wo aus sie eingeatmet werden. Darüber hinaus gelangen Gebäudeschadstoffe in die Umwelt, schädigen dort Organismen und befinden sich häufig wiederum in unseren Lebensmitteln, mit denen wir sie dann oral aufnehmen.
„Altlasten“ im Überblick
Asbest – Altlast mit schwerwiegenden Folgen
Asbest, das sich noch immer in einer großen Anzahl von Gebäuden befindet, spielt für Bewohner:innen oder Nutzer:innen eine eher untergeordnete Rolle. Die lungenschädlichen Fasern werden vor allem bei der Bearbeitung von belasteten Materialien freigesetzt. Gefährlich sind sie aufgrund ihrer physikalischen Struktur – sie können sich in der Lunge festsetzen und dort Reizungen verursachen, die zu Krebs führen. Im Jahr 2025 starben laut Deutschem Ärzteblatt 1500 bis 1600 Menschen an den Folgen einer Berufskrankheit durch Asbest.
Asbest unterscheidet nicht zwischen kleinen und großen Baustellen oder zwischen Heimwerker und Profihandwerkerin. Bauprodukte wie Wandfarben, Lacke, Fensterdichtungen, Klebstoffe, Putze und weitere, die vor 1993 hergestellt wurden, enthalten mit hoher Wahrscheinlichkeit Asbest. Wird dieses während Sanierungsarbeiten unkontrolliert freigesetzt, wird es dann doch gefährlich für Bewohner:innen.
Was gilt es beim Umgang mit Asbest zu beachten?
Gebäudeschadstoff KMF: Aufs Alter kommt es an
Künstliche Mineralfasern (KMF) finden sich vor allem in Mineralwolledämmungen. Auch bei KMF handelt es sich um Fasern, die in die Lunge gelangen und dort Schäden anrichten können. Es muss hierbei zwischen „alten KMF“ und „neuen KMF“ unterscheiden werden. Neuere Mineralwolleprodukte bestehen aus in der Lunge abbaubaren Fasern. Wer Produkte ausbaut, die vor dem Jahr 2000 eingebaut wurden, muss die Gefahrstoffverordnung TRGS519 einhalten. Sie sieht unter anderem vor, dass nur speziell geschultes Personal die Arbeiten durchführt. Das gilt auch für Heimwerker:innen!
Altlast PCB: Erst in der Wand, dann im Rührei
Bei PCB (Polychlorierte Biphenyle) handelt es sich um Gifte, die sich im Fettgewebe anreichern. Sie sind krebserregend, schädigen Nerven- und Immunzellen und können Ursache für Fehlbildungen sein. PCB-Konzentrationen sind vor allem in Innenräumen relevant. Sie werden durch „Ausgasen“ an die Raumluft abgegeben. Von der Belastung älterer Baustoffe (Dichtmassen, Klebstoffe, Farben etc.) sind in erster Linie Bewohner:innen betroffen. Dennoch kann es bei Sanierungen zu hohen Konzentrationen kommen! PCB finden sich in höheren Konzentrationen auch in tierischen Produkten, etwa in Eiern oder Fleisch. Das aus Gebäuden an die Luft abgegebene PCB wird von Pflanzen aufgenommen, die wiederum werden von Tieren verzehrt und deren Fettgewebe speichert immer größere Mengen des Schadstoffs.
Formaldehyd: Altlast und doch unverzichtbar
Formaldehyde kommen vor allem in Klebstoffen zum Einsatz, die für Stabilität in Span- und Faserplatten sorgen. Seit Anfang der 1980er-Jahre gibt es einen Grenzwert, der regelt allerdings nur die maximale Konzentration in einzelnen Bauteilen. Wie PCB werden auch Formaldehyde in die Raumluft abgegeben: die Konzentration hängt folglich von der Menge der Baustoffe ab, die den Stoff enthalten. Formaldehyde können Reizungen und allergische Reaktionen auslösen und gelten als krebserregend. Vor allem in alten Fertighäusern kommen Formaldehyde in größeren Mengen vor. Hier lohnt es, den Stoff als Altlast zu betrachten und zum Beispiel alte Holzpaneele durch schadstoffarmes Material zu ersetzen.
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Weitere Altlasten: Eine wachsende Liste
Weitere nennenswerte Altlasten sind:
- Pentachlorphenol (PCP) , ein Gift, das früher in Holzschutzmitteln eingesetzt wurde,
- Das ältere Flammschutzmittel HBCD (Hexabromcyclododecan), das vor allem an Polystyrol-Dämmungen zu Einsatz kam,
- Polycyclische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK ) entstehen bei Verbrennungsprozessen, zum Beispiel in Form von Teeren. PAK wurden früher vor allem in Produkten verwendet, die klebende Eigenschaften besitzen – Klebstoffe, Abdichtungsbahnen etc. Vorsicht: Kommen PAK und Asbest gleichzeitig vor, ist das Lungenkrebsrisiko deutlich erhöht!
„Moderne“ Gebäudeschadstoffe
PFAS: Vielfältige Schadstoffe für die Ewigkeit
Per- und polyfluorierten Alkylverbindungen (PFAS) bilden eine vielfältige Stoffgruppe besonders langlebiger Chemikalien mit diversen Untergruppen. Sie erhöhen das Krebsrisiko, stören den Fettstoffwechsel (erhöhtes Cholesterin), schwächen das Immunsystem, wirken sich auf den Hormonstoffwechsel und die Fruchtbarkeit aus und können Leber und Nieren schädigen. Weil das alles ebenso für Wildtiere gilt, sind ihre Umweltauswirkungen massiv.
PFAS kommen in diversen Produkten des täglichen Bedarfs vor: in Beschichtungen von Pfannen und Regenjacken, in (Lebensmittel-)Verpackungen, in wasserabweisenden Lacken, Farben und Beschichtungen sowie in Halbleitern und Insektenschutzmitteln und so weiter. Kein Wunder, dass PFAS vor allem über Lebensmittel und Trinkwasser aufgenommen werden. Sie befinden sich buchstäblich überall! Eine Studie des Umweltbundesamts legt nahe, dass sich Vertreter der Stoffgruppe in größeren Mengen in der durchschnittlichen Innenraumluft beziehungsweise in Hausstaub befinden, wo sie vor allem von Kindern aufgenommen werden.
Einen Überblick und Hinweise zum Umgang mit diesen Stoffen gibt zum Beispiel die Verbraucherzentrale .
Phthalate (Phthalsäureester): Nur teilweise reguliert
Phthalate sind die sogenannten Weichmacher. Auch sie kommen außer in Bauprodukten in vielen Alltagsgegenständen, besonders auch in Kosmetik und Spielsachen vor. Ein Teil der Stoffe aus dieser Gruppe gilt als fortpflanzungsschädigend, beeinträchtigend auf das Hormonsystem und die Entwicklung von Kindern störend. Einige Phthalate sind in der EU mittlerweile gänzlich verboten, für andere gelten, je nach Einsatzzweck, strenge Grenzwerte. Aufgenommen werden Phthalate vor allem über Lebensmittel, jedoch auch über die Innenraumluft.
VOC: Flüchtig und doch fast überall präsent
VOC, das steht für Volatile Organic Compound, als flüchtige organische Verbindung. Bei VOC steht dabei weniger für die Zusammensetzung der einzelnen Stoffe in dieser großen Stoffgruppe als vielmehr das flüchtige Verhalten. VOC sind Stoffe organischen Ursprungs, die stark ausgasen oder -dampfen: Alkohole, viele Lösemittel, Kohlenwasserstoffe, flüssige Brennstoffe wie Benzin und so weiter. Auch das oben beschriebene Formaldehyd gehört zur Gruppe der VOC. je nach Konzentrationen und Stoff reichen ihre Auswirkungen vin Schleimhautreizungen bis zu organ- und immunschädigenden Effekten sowie Krebs. VOC kommen sowohl natürlich vor als auch in synthetisch hergestellten Stoffen.
Kein Wunder also, dass sich VOC vor allem in Innenräumen anreichern. Hier sind die Quellen mitunter zahlreich und ein ständiger Luftaustausch ist nicht gegeben. Gesundheitsschädliche VOC befinden sich ganz natürlich auch in manchen Hölzern.
Gegen Schadstoffe schützen, Schadstoffe vermeiden
Weil sich Schadstoffe in Innenräumen kaum gänzlich vermeiden lassen, gilt selbst im ökologischsten Haus: Nur regelmäßiges Lüften hilft, die Aufnahme von schädlichen Stoffen aus der Raumluft zu verringern. Hierbei können, je nach Gebäude, auch Lüftungen mit Wärmerückgewinnung helfen.
Bei der Auswahl von Baustoffen helfen Siegel wie der Blaue Engel. Wer größere Projekte plant, kann mithilfe von Zertifizierungssystemen wie BREEM oder LEED sowohl geeignete Produkte auswählen als auch ganze Gebäude zertifizieren lassen.
Wer nicht gleich ein Zertifikat braucht, der sollte sich genau mit den Herstellerangaben zu Bauprodukten auseinandersetzen. Manche Hersteller bieten Produkte an, die in Sachen Schadstoffarmut oder -freiheit über gesetzliche Vorgaben hinaus gehen. Solche Produkte zu verwenden, zahlt sich nicht nur theoretisch aus. Der Wert eines Gebäudes bemisst sich auch daran, wie es sich auf die Gesundheit seiner Nutzer:innen und auf die Umwelt auswirkt. Schon heute hängen manche staatlichen Förderungen im öffentlichen Sektor davon ab, wie gesund und nachhaltig Gebäude geplant und gebaut werden.
Bei allen Bauarbeiten gilt: Immer auf ausreichenden und zum Schadstoff passenden Arbeitsschutz achten! Schutzmaßnahmen reichen von der Atemschutzmaske, dem Schutz der Haut und einer ausreichenden Belüftung bis hin zur Verwendung von Absauganlagen und der Abschottung einzelner Arbeitsbereiche. Wo Asbest, alte KMF oder PAK vermutet werden, geht es nur mit Fachpersonal! Zu guter Letzt bleibt die Frage: Wohin mit dem Abfall? Bei Sanierungen sollten Sie die Entsorgung präzise planen. Dass schadstoffhaltiges Material getrennt und nach Vorschrift entsorgt werden muss, versteht sich von selbst. Zunehmend bieten Baustoffhersteller und spezialisierte Unternehmen die Abholung alter Baustoffe und von Verschnitt auf der Baustelle an. Diese Services zu nutzen, macht auch in Bezug auf Schadstoffe Sinn. Werden Baustoffe (nach entsprechender Aufbereitung) wiederverwendet, kommen weniger neue schädliche Stoffe in Umlauf.
Und wie klärt man einen konkreten Verdacht auf Altlasten? Hierbei hilft zum Beispiel der Gesamtverband Schadstoffe e.V .
