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Schadstoffe

06. May 2020 | Teilen auf:

Raumluftreiniger: Meister Proper im Untergrund

Immer mehr Hersteller statten ihre Bauprodukte mit einer „raumluftreinigenden Wirkung“ aus. Klingt toll, aber wie funktioniert das eigentlich genau?

Wenn von Raumluftqualität die Rede ist, spielt die Belastung durch VOC wie Formaldehyd nach wie vor die entscheidende Rolle. Seit dem 1. Januar 2016 ist Formaldehyd in die Gefahrenklassen Karzinogen/Kategorie 1B und Keimzellmutagen/Kategorie 2 eingestuft und gilt damit offiziell als krebserregend. Vor allem die Holzwerkstoffplatten tragen die flüchtige organische Verbindung in die Innenräume, da sie zumindest zu einem Teil nach wie vor mit formaldehydhaltigen Leimen produziert werden. Zwar dürfen keine Holzwerkstoffplatten in den Verkehr gebracht werden, die den Grenzwert von 0,1 ppm (Emissionsklasse E1) überschreiten. Allerdings gilt das für jedes Bauteil respektive Einrichtungsgegenstand einzeln, die Addition aller Emissionsquellen lässt die Konzentration in der Raumluft also schnell über den Grenzwert ansteigen. 

Es wundert daher nicht, wenn alle Werk- und Baustoffe mit raumluftreinigender Wirkung vor allem das Formaldehyd als Hauptgegner definieren. Sinn und Zweck des Einsatzes dieser Baustoffe ist es, die Schadstoffkonzentration im Raum spürbar zu senken, ohne die emittierenden Bauteile aufwändig auszubauen oder gleich komplett zu sanieren. Für die Neutralisation des Formaldehyds setzen die Systeme auf unterschiedliche chemische oder physikalische Prozesse, die durch Beimischung bestimmter Stoffe zum Werkstoff in Gang gesetzt werden.

So funktioniert die Reinigungswirkung im Einzelnen

Titandioxid

Der auch als Weißpigment geschätzte Zusatzstoff findet vor allem in Wandfarben Anwendung. Sein Funktionsprinzip ist die Photokatalyse, bei der vereinfacht gesagt organische Verbindungen unter UV-Einstrahlung zu Kohlendioxid und Wasser umgewandelt werden. Dieser Prozess läuft praktisch ununterbrochen weiter, es gibt also keinen Abnutzungseffekt. Den Wandfarben wird das Titandioxid in einer besonders ausgeklügelten Rezeptur beigemischt, damit es nicht auch die farbeigenen Bindemittel zersetzt. Ferner wird so sicher gestellt, dass der Zusatz nicht nur unter UV-Licht, sondern auch unter Einwirkung von sichtbarem Licht aus der Innenraumbeleuchtung funktioniert.

Keratin

Das Keratin ist ein Faserprotein, das vor allem in menschlichen und tierischen Hornsubstanzen wie beispielsweise Haaren, Finger- und Fußnägel sowie Krallen und Hufen vorkommt. Als Aminosäure ist Keratin ein bevorzugter Reaktionspartner für das Formaldehyd, beide verbinden sich leicht zu sehr stabilen und unschädlichen Substanzen, die dauerhaft im Trägermaterial des Keratins verbleiben. Prominentestes Beispiel für ein keratinhaltiges Material ist die Schafwolle. Die ist schon per se schadstoffabbauend, diese positive Eigenschaft kann durch Nachbehandlung der Wolle aber noch weiter optimiert werden. Vor allem das Waschverfahren und die pH-Wert-Einstellung während des Waschens sorgen für eine vergrößerte, freie und damit aktive Faseroberfläche. Neben dem Formaldehyd reduziert die Schafwolle auch zahlreiche weitere Gifte wie etwa Nitrosamine, Phenole, Terpene, Stickoxide und einige mehr. Schafwolle-Vliese finden vor allem Anwendung in der großflächigen Sanierung von formaldehydbelasteten Bauteilen, die direkt mit der Wolle belegt werden. Diese sogenannte Kontaktwirkung ist bei einigen Herstellern zwingend vorgesehen. Fermacell bietet mit den Greenline-Platten für Wände und auch Trockenestriche ebenfalls ein raumluftreinigendes Produkt an, das mit Keratin versetzt ist. Die Platten funktionieren auch unter Oberbelägen, idealerweise sind die diffusionsoffen. Die chemisch in den Platten gebundenen Schadstoffe führen übrigens nicht dazu, dass die Platten später teuer entsorgt werden müssen.

Zeolith

Zeolith ist ein mineralisches Gestein vulkanischen Ursprungs. Die Poren des technisch modifizierten Zeoliths Y weisen winzig kleine Durchmesser von weniger als einem millionstel Millimeter auf, innerhalb des Baustoffs entstehen so sehr große innere Oberflächen. Die Schadstoffe werden aber in diesen Hohlräumen nicht nur gespeichert, denn der Zeolith ist ähnlich dem Titandioxid ein Katalysator, der die Wohnraumgifte chemisch in unbedenkliches Kohlendioxid und Wasser umwandelt. Anders als Titandioxid benötigt er dazu aber weder UV- noch sonstiges Licht. Dementsprechend findet dieser Prozess ununterbrochen statt, eine Sättigung wird nicht erreicht. Eingesetzt wird Zeolith als Zusatzstoff in verschiedenen Werk- und Baustoffen bereits während der Produktion, so zum Beispiel in Deckenplatten (Cleaneo von Knauf) als auch in Putzen (Rotkalk). Bei Spanplatten reicht schon eine Zugabe von fünf Gewichtsprozent aus, um die Formaldehydemission der Platte um 40 Prozent zu senken. Wichtig für die Wirksamkeit ist die Flächengröße, die mit den Zeolith-Werkstoff belegt ist. Knauf beispielsweise empfiehlt für seine Cleaneo-Platten eine Belegungsrate von 0,2 Quadratmetern Platten pro Kubikmeter Rauminhalt. Eine Auswirkung auf die technische Verarbeitbarkeit der Platten oder Putze hat die Zugabe von Zeolith nicht.

Lehm & Kalk

Ebenso wie die Schafwolle, weisen auch die Naturbaustoffe Lehm und Kalk von sich aus eine reinigende Wirkung auf die Umgebungsluft auf. Die Wirkung beruht auf einer Kombination aus höchster Diffusionsoffenheit, großer innerer Oberfläche und hoher Porosität. Die größte Wirkung geht von der sehr großen und einfachen Feuchtewanderung aus der Raumluft ins Innere des Bauteils aus (Farbe, Putz oder Platte), bei der schon eine ganze Menge an Schadstoffmolekülen mittransportiert werden. Im Lehm nehmen sich dann die die Kristallgitter der enthaltenen Tonminerale der Schadstoffe an, hier werden sie dauerhaft gebunden. Die reinigende Wirkung eines Kalkputzes oder einer Kalkfarbe wird bei der Rotkalk-Variante durch die schon erwähnte Beimischung von Zeolithen verstärkt.

Autor
Ulrich Wolf
Redaktion ausbaupraxis.de

Keyvisual und Teaserbild: Knauf

zuletzt editiert am 12.04.2022