In Altbauwohnungen sind Streitfälle über richtiges Heizen und Lüften bei Schimmel häufig. Aber was heißt „richtig“ heizen und wann ist genug gelüftet?
Aus Sicht mancher ausländischer Medien sollte es verwunderlich sein, dass es in deutschen Häusern jemals zu Schimmel an den Wänden kommt. „German Lüften“ ging als ebenso gepriesene wie belächelte typisch deutsche Angewohnheit 2023 viral. Gezählt wurde dabei auch die Anzahl der Worte, die es im Deutschen für diverse Formen des Lüftens gibt: Kipplüften, Querlüften, Stoßlüften, ….
Wer sich schon mal mit einem Vermieter über ein Schimmelproblem in der Wohnung gestritten hat, weiß hingegen: Heizen und Lüften kann sich (vermutlich nicht nur in Deutschland) wie ein Vollzeitjob anfühlen, wenn man in einem entsprechend anfälligen Altbau wohnt.
Richtig Heizen und Lüften hängt auch vom Gebäude ab
Streitfälle wegen Schimmels in Wohnungen landen häufig vor Gericht. Bestätigt wird dabei in der Regel, dass die Mieter:innen auch in für Schimmel anfälligeren Altbauten die Pflicht haben, ausreichend zu lüften und zu heizen. Vermieter:innen müssen dafür sorgen, dass ihnen das möglich ist und dass das Gebäude soweit frei von baulichen Mängeln ist, das bei „ausreichender“ Temperatur und Luftzufuhr kein Schimmel entsteht. Das von Gerichten regelmäßig geforderte Maß des Lüftens ist dabei gar nicht so gering: Drei bis vier Mal Lüften über fünf bis zehn Minuten wird als zumutbar erachtet. Bevorzugte Lüftungeart ist immer das Querlüften, also das Öffnen von gegenüberliegenden Fenstern. Die Temperatur sollte in der Wohnung mittels Beheizung dauerhaft nicht unter 16 bis 18 Grad sinken.
Taupunkt: Deshalb ist Heizen und Lüften so wichtig
Der „Taupunkt“ bezeichnet in der Bauphysik die Temperatur- und Luftfeuchteverhältnisse, bei der sich Feuchtigkeit aus der Luft in Form von Kondenswasser an einer Oberfläche niederschlägt, die kühler ist als die Lufttemperatur.
Bei ungedämmten Wänden spielt der Taupunkt besonders in Eckbereichen eine Rolle und dort, wo Bauteile so aneinander anschließen, sodass Kälte von außen ins das Bauwerk eindringen kann – etwa bei Stahlträgern von Balkonen, die in eine Decke eindringen.
Diesem Phänomen kann vorgebeugt werden, indem mittels Heizens die Wände immer ausreichend warmgehalten werden und mittels Lüftens überschüssige Feuchte aus der Luft regelmäßig abtransportiert wird. Bei Undichtigkeiten an Gebäuden oder baulichen Mängeln, die zu sehr kalten Bereichen an Wänden und Decken führen, lässt sich dieser Effekt mitunter nicht durch Heizen und Lüften ausgleichen.
Was ist die „richtige“ Luftfeuchte im Raum?
Wer sicher gehen möchte, ausreichend gegen Schimmel getan zu haben, dem hilft ein Hygrometer. Die Luftfeuchtigkeit sollte 60 Prozent nur kurzzeitig überschreiten. Optimal ist eine Luftfeuchte zwischen 40 und 60 Prozent.
Feuchte Wäsche, Kochen, eine Dusche – all das treibt die Luftfeuchte sprunghaft nach oben. Dem sollte mit fünf- bis zehnminütigem Stoßlüften (bevorzugt Querlüften) entgegengewirkt werden – über das mehrmals tägliche Lüften hinaus.
Bei Sommerhitze steigt die Luftfeuchte außen in manchen Regionen auf bis zu 100 Prozent. Es ist dann also mit Lüften unmöglich, die Luftfeuchte unter 60 Prozent zu bringen. Dass Schimmel in warmen Sommer nicht neu auftreten kann, stimmt leider nicht. Sind Temperatur und Luftfeuchte tagsüber hoch, sind die Wände normalerweise so warm, dass sich Feuchte aus der Luft nicht niederschlägt. Kühlen die Wände nachts herunter und bleibt die feucht-warme Luft im Haus, bildet sich auch im Sommer Kondenswasser an kühleren Wandbereichen: Schimmelpilze fühlen sich zunehmend wohl.
Lüften an die Außentemperatur anpassen
Eine einfache Faustregel könnte daher sein, bevorzugt dann zu lüften, wenn die Außentemperaturen geringer sind als die Luft im Innenraum. Im Sommer bedeutet das also: abends, nachts oder früh am Morgen. Je kälter es draußen gegenüber dem Innenraum ist, desto effektiver ist das Lüften. Etwas Wind hilft auch, die Wohnung schnell von Mief und Feuchte zu befreien.
Warum ist das gekippte Kippfenster so unbeliebt bei Vermieter:innen?
Gekippte Fenster sorgen zwar für eine gleichmäßige Sauerstoffzufuhr, sind aber im Gegensatz zu einem geöffneten Fenster völlig ineffektiv, weil sie vor allem die Temperatur senken und damit den Heizenergieverbrauch erhöhen. Ein Effekt, der die Schimmelgefahr direkt erhöht, ist, dass der Bereich über dem Fenster stark auskühlt. Warme Innenraumluft schlägt sich am Fenstersturz oder der Wand über dem Fenster nieder, Kondenswasser entsteht und Schimmelpilze finden einen guten Nährboden.
Bauliche Mängel setzen Grenzen
Gut geheizt und ausreichend gelüftet und trotzdem gibt es schimmelige Stellen? Der Grund können Undichtigkeiten oder fehlerhafte Baukonstruktionen sein. Taucht Schimmel etwa im Erdgeschoss in Bodennähe auf, ist es wahrscheinlich, dass eine feuchte Wand verantwortlich ist. Klar eingegrenzte Flecken mitten auf Wänden können punktuelle Undichtigkeiten anzeigen. Da hilft auch das akribischste „German Lüften“ nichts!
Autorin:
Pauline John
Freie Redakteurin
Redaktion Ausbaupraxis
